Interviewreihe

Ökonomisierung im Gesundheitswesen

“Ausreichend Fachkräfte zu haben ist das höchste Gut (…) im Krankenhaus.”, Silvia Habekost, Krankenschwester, Bündnis krankenhaus-statt-fabrik

Deutschlandweit unterschreiben zur Zeit hunderte Ärzte und Ärztinnen einen Appell, der in der letzten Ausgabe des Wochenmagazins “Stern” erschien: sie alle kritisieren die Ökonomisierung des Gesundheitswesen und fordern eine radikale Reform des Fallpauschalensystems, mit dem seit 2003 stationäre Behandlungen in deutschen Krankenhäusern abgerechnet werden. Dieses System setzt wirtschaftliche Fehlanreize, die zu Personalabbau, Krankenhausschließungen und -privatisierungen sowie Über- bzw. Unterversorgung in verschiedenen Stationen führt. Das berichtet auch Silvia Habekost – unsere Stimme aus dem Krankenhausalltag. Passend zu der immer größer werdenden Bewegung, die die Politik zu einem Kurswechsel auffordert, wollen wir unsere vierteilige Podcastreihe veröffentlichen. Darin rollen wir von ganz vorn auf, was es mit dem Fallpauschalensystem auf sich hat. 

(1) Im ersten Podcast sprechen wir darüber, wie es zur Einführung des DRG-Systems kam – wie wurden Krankenhäuser in Deutschland ab dem Zweiten Weltkrieg finanziert? Welche Vor- und Nachteile haben andere Systeme? Wir klären auf, welche Ziele man verfolgte, als man das DRG-System einführte – und welche davon erfüllt wurden. Dieser Podcast hilft, unser heutiges Finanzierungssystem in seinen Wurzeln zu verstehen und mit fundiertem Wissen daran Kritik üben zu können. 

(2) Im zweiten Podcast fokussieren wir uns darauf, wie das DRG System funktioniert – was hat es mit Fallgruppen auf sich? Wie werden Patient*innen eingruppiert und wie kann es sein, dass die Erlöse, die das Krankenhaus für eine Prozedur erhält, nicht kostendeckend sind? Wir fragen mal ganz kritisch nach, wie man am ökonomischsten im Krankenhaus arbeitet – viele Patient*innen durchzuschleusen ist dabei nur ein Mechanismus. Zum Schluss sprechen wir darüber, welche Auswirkungen das System auf die Patientenversorgung hat.

(3) Im dritten Podcast besprechen wir gleich drei große Themen: Personalabbau, Krankenhausschließungen und -privatisierungen. Wir wollen die Fakten wissen: wie viele Stellen wurden seit Einführung der DRGs abgebaut? Wie wird in privaten Krankenhauskonzernen gewirtschaftet? Wir beleuchten die schockierenden Auswirkungen für Patient*innen, die mit fehlenden Pflegekräften einhergehen. Außerdem kommt wieder Krankenschwester Silvia Habekost zu Wort und berichtet aus ihren Erfahrungen – zum Beispiel welche skurrilen Neuerungen eine Unternehmensberatungsfirma in ihrem Krankenhaus einführen wollte.

Zu den Personen:
Im ersten Podcast spricht Nadja Rakowitz, Soziologin und Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte. Sie setzt sich auch im Bündnis krankenhaus-statt-fabrik für eine Medizin ein, die “für die Patient*innen und nicht für den Geldbeutel (…) gemacht ist”.

Im zweiten Podcast spricht Dr. Peter Hoffmann, Oberarzt der Anästhesie im Münchner Klinikum Harlaching. Er ist Vorsitzender des vdää und ver.di Mitglied und engagiert sich ebenfalls beim Bündnis krankenhaus-statt-fabrik gegen die Ökonomisierung des Gesundheitssektors.

Im dritten Podcast lassen wir Herrn Dr. Teusch zu Wort kommen. Bis 2017 war er als Anästhesist im Heliosklinikum Siegburg angestellt. Er war dort als Betriebsratsvorsitzender tätig und dadurch auch in den letzten Jahren freigestellt vom Klinikalltag. Heute genießt er Rente, ist aber weiterhin bei Verdi aktiv.


Quellen
(Direktzugang durch Klick auf Link):

  • Foliensammlung mit Geschichte der Krankenhausfinanzierung, Erklärung des DRG-Systems, sowie Auswirkungen auf Patient*innen und Beschäftigte: www.krankenhaus-statt-fabrik.de
  • Biografische Schilderung aus dem Krankenhausalltag von Silvia Habekost:

RN4CAST Studie (mehr Pflegepersonal – höhere Sterblichkeit):

www.ncbi.nlm.nih.gov/

Zur Frage der Schließung kleiner Krankenhäuser: www.krankenhaus-statt-fabrik.de

Pflegekraftbefragung zu emotionaler Belastung und Abwanderungswunsch: www.dip.de/